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Buchkritik zu »Horse Brain, Human Brain«

Das Hauspferd (Equus caballus) ist nach Hund und Katze eines der beliebtesten Haustiere. In Deutschland halten etwa 600 000 Haushalte insgesamt 1.25 Millionen Pferde. Rund 2.9 Million Deutsche reiten. Seit 5500 Jahren arbeiten Pferde und Menschen zusammen. Ihre Beziehung hat dabei eine deutliche Wandlung erfahren: Zunächst waren Pferde Last- und Arbeitstiere, heute sind sie – zumindest in Deutschland – fast ausschließlich Sportpartner.

Dass die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Pferden funktioniert, ist alles andere als selbstverständlich. Pferde sind Fluchtiere. Sie reagieren unmittelbar auf Reize, in der Regel, indem sie das Weite suchen. Menschen hingegen gehören zu den Raubtieren: Sie werden von Pferden zunächst als potenzielle Bedrohung wahrgenommen. Anders als die reizgesteuerten Pferde handeln Menschen zielorientiert. Sie bewerten eingehende Sinneseindrücke im Präfrontalkortex, bevor sie handeln. Dazu sind Pferde grundsätzlich nicht fähig. Auf Grund dieser Unterschiede kommt es immer wieder zu Missverständnissen zwischen Menschen und Pferden.

Kognitionswissenschaftlerin und Pferdetrainerin

Das kann beispielsweise dazu führen, dass ein Pferd bei einer gestellten Aufgabe nur langsam Fortschritte macht. Manchmal wiegen die Folgen schwer, etwa wenn es zu einem Unfall kommt. Das Buch »Horse Brain, Human Brain« versucht anhand von Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft zwischen Menschen und Pferden zu »dolmetschen« und gewährt den Leserinnen und Lesern einen Einblick in die Lebens- und Gefühlswelt sowie die Denkweise von Pferden. Die Autorin Janet L. Jones ist hierfür prädestiniert: Sie ist nicht nur Kognitionswissenschaftlerin und hat mehr als 20 Jahre an der University of California in Los Angeles unterrichtet. Jones reitet auch seit ihrer Jugend und bildet als Trainerin Pferde aus.

Nach einem Vergleich von Anatomie und Entwicklungsgeschichte des Gehirns von Mensch und Pferd widmet sich Jones den einzelnen Sinnesleistungen, die sich beim Beute- und dem Raubtier erheblich voneinander unterscheiden. So haben Pferde wegen ihrer seitlich sitzenden Augen einen fast perfekten Rundumblick, weshalb sie mögliche Gefahrenquellen viel schneller wahrnehmen als Reiter. Allerdings sehen sie mit einer geringeren Tiefenschärfe. Darum sehen beispielsweise Springpferde Hindernisse weniger scharf als Menschen. Unter der Nase haben Pferde einen großen »blinden Fleck«. Dafür riechen Pferde sehr gut und hören auch hochfrequente Geräusche.

Im Kapitel »Denken wie ein Pferd« dreht sich alles darum, wie man Pferden das Lernen durch geeignete Trainingsmethoden erleichtern kann. Denn oft verstehen Pferde die Aufgaben der zielorientiert denkenden Menschen nicht. Das kann für beide Seiten frustrierend sein. Jones stellt verschiedene Belohnungsmethoden vor und vergleicht direkte und indirekte Trainingsweisen. Im pour Teil des Buchs geht es vor allem um die Gefühlswelt der Tiere. Hier hinterfragt die Autorin kritisch, inwieweit Pferde mit Absicht handeln können. Gar nicht, ist ihre Schlussfolgerung de ella, weil ihnen der Präfrontalkortex fehlt. Zeigt das Tier aus Menschensicht nicht das gewünschte Verhalten, ist dies immer eine Reaktion auf äußere Umstände, für die in den meisten Fällen der Reiter verantwortlich ist.

Das Buch ist anschaulich und verständlich geschrieben und wird durch Zeichnungen bereichert, von denen einige den Leser die Welt im wahrsten Sinn des Wortes durch die Augen von Pferden sehen lassen. Da das Buch sehr praxisorientiert geschrieben ist, richtet es sich vorrangig an Menschen, die regelmäßig mit Pferden zu tun haben und diese besser verstehen wollen.

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