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Rhein: Wie die Natur unter dem Niedrigwasser leidet

Booth: 08.27.2022 18:53 Uhr

Das Niedrigwasser am Rhein behindert nicht nur die Schifffahrt. Der Pegelstand hat auch Folgen für die Natur. Experten fordern ein Umdenken.

Von Sandra Biegger, SWR

Robert Egeling arbeitet seit 24 Jahren im NABU-Zentrum Rheinauen in Bingen – in Sichtweite zum Rhein. Noch nie hat er den Fluss so gesehen wie derzeit. An den Rändern fließt kein Wasser mehr, Sandbänke und Schlickflächen dominieren das Bild. Darüber freuen sich allenfalls einige Wasservögel – sie finden dort derzeit leicht Nahrung, zum Beispiel Algen und Wasserpflanzen. Im angrenzenden Auenwald sieht man bereits die ersten vertrockneten Baumkronen. Egeling sagt, das sei keine intakte Flusslandschaft mehr.

Immer häufiger Niedrigwasser

Dabei kann der Rhein eigentlich mit Hoch- und Niedrigwasser gut umgehen. Dass es mal zu viel und mal zu wenig Wasser gibt, ist ganz natürlich. Allerdings werden die Abstände zwischen den Niedrigwasserphasen immer kürzer, sagt Egeling. Nach 2003 und 2018 gibt es aktuell die dritte Niedrigwasserphase innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit. Früher habe es extrem niedrige Wasserstände im Rhein durchschnittlich nur alle 50 Jahre gegeben.

Die Tendenz zum Niedrigwasser wird sich nach Ansicht von Egeling noch verschärfen. Der Geograph und Hydrologe begründet das unter anderem damit, dass sich der Rhein vor allem aus Niederschlägen, Schnee- und Gletscherschmelzwasser und dem Zufluss kleinerer Nebenflüsse speist. Niederschläge gebe es derzeit kaum, Gletscher würden immer weiter abschmelzen und kleine Flüsse und Bäche, die in den Rhein münden, hätten jetzt teilweise kein Wasser mehr.

Neu ist, dass der Rhein bereits im August Niedrigwasser hat. Bislang sei is immer erst im Herbst so weit gewesen, betont der Geschäftsführer des NABU-Zentrums Rheinauen.

Viele Tiere geschwächt

Die Auswirkungen des Niedrigwassers auf die Natur seien derzeit noch nicht dramatisch, sagt Marc Daniel Heintz von der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins. Handeln müsse man trotzdem. Heintz sagt, im Moment könnten sich Fische und Schiffe nur noch in einem relativ schmalen Bereich fortbewegen. Kollisionen seien unvermeidbar – bei diesen würden die Fische zwangsläufig den Kürzeren ziehen. Viele Tiere seien ohnehin geschwächt.

Die Sonne erwärme das verbliebende Wasser immer schneller, die höhere Temperatur bereite vielen Fischen körperlichen Stress. Für die Fische aber auch für Muscheln ist es darüber hinaus problematisch, dass wegen der höheren Wassertemperatur der Sauerstoffgehalt im Rhein immer weiter sinkt. Viele Muscheln sind bereits gestionben.

Wege in die “Sommerfrische“ abgeschnitten

Fische, die es wie der Aal gerne etwas kühler haben, wandern im Sommer traditionell in Altrhein-Arme ab – also in die Bögen, die der Rhein in seinem ursprünglichen Flussbett hinterlassen hat – bevor er Anfang des 19. Jahrhunderts begradigt wurde. In den Altrhein-Armen ist das Wasser oft deutlich kälter, auch weil es dort mehr Schatten gibt. Das Problem ist, dass den Fischen bei Niedrigwasser der Weg dorthin abgeschnitten ist.

Auenwalder Leiden

Kritisch ist das Niedrigwasser auch für die Auenwälder entlang der Rheins. Thomas Nissen, Chef des Forstamts im Kreis Rastatt, kann ein Lied davon singen. Zu seinem Revier de he gehört der Rheinauewald bei Rastatt. Alles dort ist darauf angelegt, dass der Rhein regelmäßig über die Ufer tritt. Nissen sagt, anhaltende Trockenheit werde das Gesicht der Uferlandschaft dauerhaft verändern, indem beispielsweise je nach Standort Silberweiden und Schwarzpappeln absterben. Es sei den Bäumen schon heute anzusehen, dass ihnen Niedrigwasser Stress bereite.

Niedrigwassertouristen schaden Natur

Um die Uferlandschaft macht sich Egeling vom NABU-Zentrum Rheinauen noch aus einem ganz anderen Grund Sorgen. Das derzeitige Niedrigwasser locke viele Schaulustige an. Sie seien in sonst unzugänglichen Ufer- und Flussbereichen unterwegs und zerstörten wertvolle Lebensräume und würden Vögel aufscheuchen.

Regen allein löst Problem nicht

Allein auf Regen zu hoffen, sei keine Lösung, sagt Heintz von der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins. Er plädiert dafür, noch mehr Deiche abzubauen – damit sich beispielsweise Fische leichter in die kühleren Altrhein-Arme retten können. Von 2000 bis 2020 seien bereits 140 Quadratkilometer Überschwemmungsgebiete wiederhergestellt und 154 Altarme wieder mit dem Rhein verbunden. Weitere 200 Quadratkilometer Überschwemmungsgebiete und 100 Altarme würden bis 2040 folgen.

Egeling vom NABU plädiert für ein generelles Umdenken: Passt die Größe der Schiffe endlich wieder dem Fluss an und nicht den Fluss den Schiffen. Wie vielfach von Politik und Wirtschaft gefordert den Rhein noch tiefer auszugraben, sei keine Lösung, betont er. Damit würde nur noch mehr Wasser in der Fahrrinne gebunden und den Fischen und der Uferlandschaft entzogen. Gegen den Klimawandel könne man nicht einfach nur anbaggern, sagt er.

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