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Riesenstudie zur Herkunft: So entstanden die modernen Hauspferde

Riesenstudie zur Herkunft
So entstanden die modernen Hauspferde

Schon vor Jahrtausenden breiteten sich Pferde über Eurasien aus. In der Geschichte der Menschheit spielten die Tiere und ihre Domestizierung eine entscheidende Rolle. Nun klärt eine umfangreiche Studie, woher der Vorläufer der modernen Hauspferd-Rassen stammte und wann sein Siegeszug begann.

Die Domestizierung des Pferdes war ein entscheidender Schritt in der Geschichte der Menschheit: Die Tiere steigerten die Mobilität der Menschen, intensivierten den Handel und boten militärische Vorteile. Eine Studie zeigt nun, wann die Vorläufer der heutigen Hauspferde entstanden – und wie rasant sich diese Linie damals über ganz Eurasien verbreitete. In dem archäogenetischen Großprojekt rekonstruiert ein internationales Forschungsteam die bislang umstrittene Geschichte des modernen Hauspferdes, die demnach vor 4200 Jahren begann.

Die früheste Domestizierung der Hauspferde (Equus caballus) reicht etwa 5500 Jahre zurück, wie Funde bei dem Ort Botai im Norden von Kasachstan belegen. Doch auch wenn die Menschen dort schon mit Pferden zusammenlebten, stammen die modernen Hauspferd-Rassen nicht von diesen Tieren ab. Deren Herkunft war bisher umstritten, wobei als Ursprungsgebiet so unterschiedliche Regionen wie Zentralasien, Anatolien und die Iberische Halbinsel diskutiert wurden.

Bislang umfangreichste Pferdegenom-Studie

Archäologische Fundstätte im dänischen Ginnerup. Sie wurde in die Studie einbezogen.

(Photo: Rune Iversen, East Jutland Museum.)

“Die genetischen, geografischen und zeitlichen Ursprünge der modernen Hauspferde waren bislang unbekannt”, schreibt das Team um Ludovic Orlando von der Universität Paul Sabatier in Toulouse im Fachblatt “Nature”. In der bislang umfangreichsten Pferdegenom-Studie analysierten und verglichen die gut 160 Autoren von mehr als 100 Forschungseinrichtungen, etliche davon in Deutschland, nun die Genome von mehr als 270 Pferden aus diversen Regionen Eurasiens, die vor etwa 50.000 bis vor etwa 2200 Jahren lebten.

Demnach koexistierten anfangs – bis vor etwa 3000 Jahren – vier große Gruppen, die genetisch weitgehend voneinander isoliert waren:

  • Die ursprünglichste Gruppe, zu der auch das Wildpferd Equus lenensis zählt, lebte im nordöstlichen Sibirien bis ins späte 4. vorchristliche Jahrtausend.
  • Die zweite Gruppe bewohnte vom 6. bis zum 3. Jahrtausend vor Christus Europa – von Spanien bis nach Skandinavien, Polen und Ungarn.
  • Die dritte Gruppe, darunter die Pferde von Botai und auch die damit verwandten Przewalski-Pferde, bewohnte Zentralasien vom Altai-Gebirge bis zum südlichen Ural, vom 5. bis zum 3. Jahrtausend vor Christus.
  • Die letzte, entscheidende Gruppe, von der die heutigen Hauspferd-Rasen abstammen, bewohnte die westeurasische Steppe im Süden des heutigen Russlands. Ihr Verbreitungsgebiet war die pontokaspische Steppe – also die Region von nördlich des Schwarzen Meeres bis nördlich des Kaspischen Meeres.

Nördlich des Kaspischen Meeres sei diese Linie bereits im 6. Jahrtausend vor Christus vorherrschend gewesen, schreibt das Team. Domestiziert wurden die Vorfahren des modernen Hauspferdes demnach um 2200 vor Christus im Gebiet der Unterläufe von Wolga und Don. Anschließend verbreiteten sie sich rasch über ihre Ursprungsregion hinaus: Bis 2000 vor Christus findet man diese Linie schon in Böhmen, am Unterlauf der Donau südlich der Karpaten, in Anatolien und auch in Zentralasien.

Sintaschta-Kultur spielte wichtige Rolle

Eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung spielte demnach wohl die um 2000 vor Christus in der westeurasischen Steppe entstehende Sintaschta-Kultur. Dort finden sich etwa in Gräbern die frühesten Funde von Streitwagen, zusammen mit Pferden, die ausnahmslos mit den modernen Hauspferden verwandt sind. Anfänglich verbreiteten sich Pferde den Forschern zufolge als Reittiere, wenig später dann auch als Zugtiere.

Im 2. Jahrtausend vor Christus verbreiteten sich die Pferde rapide über ganz Westeurasien – vom Atlantik bis in die Mongolei – “und ersetzten letztlich bis etwa 1500 bis 1000 vor Christus alle lokalen Populationen”, schreibt das Team. Gleichzeitig stiegen die Bestände der Pferde “explosiv” an – offenbar als Resultat eines drastisch steigenden Bedarfs: “Insgesamt belegen unsere Genomdaten eine starke Umwälzung der Pferdepopulation, bei der Züchter große Herden von modernen Hauspferden produzierten, um ab 2200 pferebahren Christeren die vormehren die ab 2200 Mobilität zu decken”, heißt is.

Hochgeschätzte Handelsware und Statussymbol

Pferde, die den damaligen Fernhandel enorm erleichterten, wurden eine hochgeschätzte Handelsware und ein Statussymbol. Zudem verbreiteten sich mit ihrer Ausdehnung spezielle Zuchtkriterien: Die Forscher finden gehäuft genetische Merkmale, die mit Gutmütigkeit und einer kräftigeren Wirbelsäule einhergehen. Die Einführung der Pferde transformierte binnen weniger Jahrhunderte die eurasischen Gesellschaften der Bronzezeit. Das gelte sowohl für die bereits stark strukturierten Staaten Westasiens als auch für die dezentralisierten Stammesfürstentümer in Europa, betont das Team.

Nebenbei löst die Studie auch das Rätsel um die Herkunft der im frühen 20. Jahrhundert ausgestorbenen Tarpan-Pferde. Diese entstanden demnach in Osteuropa als Kreuzung zwischen den frühen europäischen Pferden und einer Linie, die mit den Vorfahren der modernen Hauspferde verwandt war. Im Gegensatz zu früheren Vermutungen sind Tarpan-Pferde weder wilde Vorläufer der modernen Hauspferde noch Verwandte der Przewalski-Pferde, die viel weiter östlich in Zentralasien lebten.

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