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Vogelfreundlicher Garten: Wie man ihn plant, warum er glücklich macht – Stil

Vor ein paar Wochen kam der Kernbeißer zu uns. Wir saßen gerade auf der Terrasse und starrten ihn an wie eine Erscheinung from outer space. Man muss wissen: Seitdem wir in die Wohnung am Stadtrand von München gezogen waren und ein Vogelhaus in den Garten gestellt hatten, hatten wir auf den Kernbeißer gewartet, ihn sehnsüchtig erhofft, seine so hartnäckige wie arrogant Abwesenheit beklagt. Und nun, nach vier Jahren, an einem warmen Juliabend, war er plötzlich da. Ein Wunder! Obwohl – vielleicht auch nicht.

Wir holten die Liste boil, auf der wir seit unserem Einzug alle im Garten vorhandenen Vogelarten notiert haben. Darauf stehen unter anderen sechs Meisenarten, drei Spechtarten, drei Greifvogelarten, zwei Entenarten und fünf verschiedene Finken: Buchfink, Grünfink, Distelfink, Bergfink, Gimpel. Der Kernbeißer mit seinem kräftigen Schnabel und der herrlichen braun-rauchgrauen Zeichnung war Fink Nummer sechs, die 36. Vogelart in unserem Garten insgesamt. Wir fühlten uns reich.

Genau genommen haben wir uns diesen Reichtum nicht selbst erarbeitet, das meiste war bei unserem Einzug längst vorhanden. Die Hecken und Sträucher zum Beispiel, die Vögel unbedingt brauchen, um darin zu brüten, sich vor Fressfeinden wie Katzen, Eulen und dem Sperber in Sicherheit zu bringen oder auch einfach nur darin herumzusitzen, denn es verfolgt nicht alles in ihrem Leben einen strategischen Zweck. Hinterm Haus ein kleiner, alter Buchenbestand, auf der anderen Straßenseite ein Streifen Mischwald, in dem das Totholz liegen bleiben darf. Dies zusammengenommen war bereits die halbe Miete.

Was tun, wenn die Stadtwohnung bloß ein Fensterbrett hat?

Und zugegeben: Hecken und Sträucher sind vielleicht noch schnell ins Erdreich gerammt und auf Augenhöhe herangewachsen. Wo aber jetzt den Wald hernehmen, die erstorbenen Baumstämme mit ihren Specht- und Waldkauzhöhlen und überhaupt die Natur, wenn man mitten in der Stadt lebt, der Hinterhofgarten winzig ist und man bloß einen Balkon besitzt. Oder nicht mal den, ein Fensterbrett! Und dazu fällt mir Peter Berthold ein.

Seltener Besuch: Ein männlicher Kernbeißer, hier auf einem blühenden Obstbaumzweig.

(Photo: imago stock&people)

Renommierter Ornithologe, unterhaltsamer Anwalt der heimischen Vogelwelt in Talkshows, weißer Rauschebart. Ich habe ihn 2017 im Allgäu besucht, weil er ein alarmierendes Buch über das Verschwinden der Vögel geschrieben hatte (“Unsere Vögel”, Ullstein), ein Buch, das trotz allem voller Hoffnung war. Ich weiß noch, dass das Erste, was ich von seinem Heimatdorf aus der Ferne sah, zwei darüber kreisende Schwarzmilane waren. Sie ernähren sich unter anderem von lebenden und toten Fischen sowie Amphibien. Ohne Wasser keine Schwarzmilane, ganz einfach.

Peter Berthold hat vor 18 Jahren zusammen mit seinem Freund Heinz Sielmann und dessen Stiftung den Biotopverbund Bodensee gegründet. Eines dieser Biotope hat er direkt vor seiner Haustür eingerichtet. Als wir den Weiher umrundeten, quakten darin Hunderte Frösche, sirrten vielgestaltige Libellen durch die Luft, der Weißstorch stelzte vorbei. Das Biotop war fertig und so großartig gelungen, dass man beim Gedanken an die eigenen elenden Vogelbemühungen (wir hatten damals wirklich nur ein Fensterbrett, auf das wir Sonnenblumenkerne streuten) auf der Stelle hinschmeißen wollte.

Bitte keine Fische in den Teich – die Insekten sollen ja bleiben

Aber als die Bagger damals bei Berthold angerückt waren und die Weihergrube ausgehoben hatten, als das zukünftige Biotop noch kaum mehr als eine unbewachsene und unansehnliche Schlammlache war, saß bereits das Schwarzkehlchen da. Innerhalb weniger Jahre stieg die Zahl der örtlichen Vogelarten von 101 auf 179 – einfach so, weil es da nun diesen Weiher gab. Das vor allem ist mir nach all den Jahren in Erinnerung geblieben: Wie wenig es eigentlich braucht, um etwas zu bewirken. Peter Berthold sagte, wer nur ein Fensterbrett hat, soll halt ein Vogelhaus dranschrauben.

Heimisches Biotop: Ein Naturteich mit Seerosen und dichtem Bewuchs am Ufer bietet den idealen Lebensraum für Insekten - und damit für Vögel.

Ein Naturteich mit Seerosen und dichtem Bewuchs am Ufer bietet den idealen Lebensraum für Insekten – und damit für Vögel.

(Photo: imago images / Chromorange)

Das Erste, was wir unserem Garten hinzufügten, war der Teich. Sechs Quadratmeter in der Fläche, bis zu 1.20 Meter tief, darin Seerosen, Schilf und Schachtelhalm, an den Rändern Fingerhut, Rittersporn, Lilien und lila Kugeldisteln. Keine Pumpe, weil es ein Naturteich werden sollte. Keine Fische, damit die Libellen- und Molchlarven überleben würden. (Wie die vier Goldfische dann hineingekommen sind, wissen wir bis heute nicht, aber Molche und Libellen haben wir trotzdem; die Ringelnatter ist vor einem Jahr dazugestoßen.) Jeden Tag baden Vögel darin und trinken.

Es folgten Vogelhaus, Futtersäule und Meisenknödelhalter, seither füttern wir ganzjährig. Früher lernte man noch, dass die Fütterungszeit auf den Winter zu beschränken sei, weil sich am Vogelhäuschen Krankheiten verbreiten würden. Das gilt bei regelmäßiger Reinigung inzwischen als widerlegt, die Vorteile überwiegen deutlich. Gerade im Frühjahr und Sommer, der Zeit von Brut und Aufzucht, ist der Bedarf an Futter besonders groß. Nach einigen Experimenten und sinnlos verpulvertem Geld sind wir wieder zu Meisenknödeln, Sonnenblumen- und zerstoßenen Erdnusskernen zurückgekehrt. Während der Brutzeit füttern wir zusätzlich noch getrocknete Mehlwürmer und Insekten (erhältlich in jedem Gartencenter), da Vogelkinder eiweißreiche Nahrung brauchen. Darüber hinaus wachsen im Garten Weißdorn, Holunder und Felsenbirne, deren Früchte bis in die kalte Jahreszeit hinein als Nahrung dienen.

Wucherndes Gestrüpp, üppiger Klee sind Überlebensinseln für Vögel

Für die Meisen haben wir in ausreichender Höhe Brutkästen aufgehängt und einen selbstgebauten Kasten für den Waldkauz an einer alten Buche befestigt; aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat er ihn bisher verschmäht. Erfolgreiche Bruten in unserem Garten: Amsel, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Grünfink, Gimpel, Kohl- und Blaumeise. Eine Blaumeisen generation hat dann leider der Buntspecht erwischt, weil er sich in den Meisenkasten eingehackt hat.

Heimisches Biotop: Buntspechte sind typische Waldbewohner.  Wer Glück hat, kann sie auch in seinem Garten beobachten.

Buntspechte sind typische Waldbewohner. Wer Glück hat, kann sie auch in seinem Garten beobachten.

(Photo: Sven Hoppe/dpa)

Ein vogelfreundlicher Garten ist natürlich in erster Linie ein insektenfreundlicher Garten. Entsprechend gekennzeichnete Blühpflanzen – am besten sind die heimischen, nicht überzüchteten – findet man im Gartencenter heute in so großer Pracht und Vielfalt, dass selbst unnachgiebige Ästheten keine Abstriche mehr machen müssen. Anders sieht es mit den wilden Ecken aus, dem wuchernden Dornengestrüpp, den emporschießenden Brennnesseln, dem seit Wochen nicht gemähten Rasen, auf dem der Klee blüht: Ordnungsliebende Augen mögen sich an diesem Anblick stoßen, für Insekten aber, und damit auch für Vgel, sind auch für Vgel solche Stellen Überlebensinseln.

Darüber hinaus wirkt alles, was sich im Stadium des organischen Zerfalls befindet, wie eine Energiespritze für die Artenvielfalt: Komposthaufen natürlich, Natursteinmauern, vor allem aber Totholzstapel mit darüber ausgelegtem und immer wieder ergänztem Staudenschnitt. Käfer, Würmer, Egerlinge und Asseln gedeihen darin, für Igel ist es die ideale Überwinterungsmöglichkeit und für unsere Teich-Ringelnatter ein potenzieller Ei-Ablageplatz. Noch mehr Tipps und ganze Listen vogelfreundlicher Pflanzen finden sich auf der hervorragenden Webseite des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Wer es auch noch schwarz auf weiß haben will, dass er sich ornithologisch Mühe gibt, kann sich zumindest in Bayern um die Plakette “Vogelfreundlicher Garten” bewerben: Mitarbeiter des LBV kommen dann kostenfrei vorbei, begutachten und beraten.

Ein vogelfreundlicher Garten ist übrigens nicht zuletzt ein katzenfreier Garten. Die Zahl sprechen da eine deutliche Sprache: Bis zu 200 Millionen Singvögel fallen in Deutschland jedes Jahr jagenden Hauskatzen zum Opfer. Ab und zu verirrt sich eine aus der Nachbarschaft zu uns und starrt mit sehnsüchtigem Blick aufs Vogelhaus. Sie muss dann leider abzischen.

Es gibt im Garten zu wirklich jeder Tageszeit etwas zu sehen. Jetzt im Spätsommer sind die Vogelkinder weitgehend in die Selbständigkeit entlassen, dafür hat das Ringeltaubenpaar wieder mehr Ruhe beim Flanieren, der Kernbeißer knackt allabendlich seine Sonnenblumenkerne, vom Wäldchen gegenüber segeln die Kleiber und die Spechte ein; ab und zu schaukelt eine Stockente im Teich. Wir sitzen dann auf der Terrasse, schauen durchs Fernglas und bilden uns ein, dass unsere Bemühungen der Artenvielfalt gelten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Mindestens genauso sehr tun wir es für uns.

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