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Vogelkiller Windkraft: Plötzlich löst sich Argument der Windkraft-Gegner auf

Die einen sehen in der Windkraft die große Chance gegen den Klimawandel. Energie, die weitestgehend CO2-frei ist; es wird kein Smog verursacht, die Luft bleibt rein. Ein Windrad mit einer Leistung von drei Megawatt kann circa 2000 Haushalte versorgen.

Andererseits lehnen viele Menschen Windkraft ab: Die Rotoren töten zehntausende Tiere pro Jahr in Deutschland. Eine erneuerbare Energiequelle, die zwar eine nahezu perfekte Klimabilanz aufweist, jedoch viele Tiere in der Umgebung tötet, passt für viele Menschen nicht zusammen.

Vögel umfliegen Turbinen mit einer Entfernung von einem Kilometer

Eine gemeinsame Studie des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz und der University of East Anglia in England kommt nun jedoch zu überraschenden Ergebnissen:

Zum einen wurden 1454 Vögel aus 27 Arten untersucht und Orte in Europa identifiziert, in denen Vögel durch Windkraftanlagen und Stromleitungen besonders gefährdet sind.

Dann beobachteten die Wissenschaftler, wie die Vögel in der Nähe von Windrädern fliegen.

Das Ergebnis: Die Vögel umfliegen die Turbinen in einer Entfernung von einem Kilometer.

2021 nur 28 Windräder gebaut

Das Argument der Vogel-Killermaschinen ist neben der Lärmbelastung das stärkste, das Windkraft Gegner oftmals benutzen. Viele Initiativen verzögern mit ihren Protesten und Gerichtsverhandlungen den Ausbau von Windrädern. Mit den Erkenntnissen der Studie würde sich der Vorwurf regelrecht in Luft auflösen.

Die Ampel-Koalition drängt mit Nachdruck auf den Ausbau von Windkraftanlagen. Zum einen um die Klimaziele zu erreichen, zum anderen um sich unabhängiger zu machen, wie beispielsweise vom russischen Gas. Vizekanzler Robert Habeck möchte, dass bis zu zwei Prozent der Landesflächen für Windräder ausgewiesen werden.

Viele Bundesländer hinken dem Ziel hinterher. Baden-Württemberg hat beispielsweise erst 0.2 Prozent erreicht. In Bayern wurden erst vor wenigen Tagen die Abstandsregelungen gelockert. Im Jahr 2021 wurden lediglich 28 Windräder bundesweit gebaut. Habecks Ziel sei nun jährlich 100 Windräder aufzubauen. Aktuell versorgen knapp 30,000 Anlagen Deutschland mit Windkraft.

Sterberaten im Bezug auf andere Ereignisse stellen

Auch wenn die Studie zu einem erfreulichen Ergebnis kommt: Die Zahl der getöteten Vögel durch Windräder geht noch lange nicht gegen null. Eine genaue Auswertung, wie viele Tiere durch die Rotoren sterben, ist schwierig, da jedes Jahr Windräder hinzukommen und davon ausgegangen wird, dass nicht alle Fälle gemeldet werden oder die Vögel nicht gefunden werden.

Von einem bis vier toten Vögeln pro Jahr und Windkraftanlage in Norddeutschland gehen Studien des deutschen Umweltministeriums aus, wie „der Standard“ berichtet. Auch die Staatliche Vogelschutzwarte geht im Gespräch mit FOCUS Online von einer Rate im einstelligen Bereich pro Windrad und Jahr aus.

Allein in den vier norddeutschen Bundesländern sterben jedes Jahr über 8500 Mäusebussarde an Windkraftanlagen. Das entspricht fast acht Prozent der gesamten Population in diesen Ländern, wie „GEO“ im Jahr 2019 berichtet.

„Wichtig ist, dass man die Sterberaten im Bezug auf andere Ereignisse sieht, die auch verursachen, dass Tiere sterben“, sagt Stefan Barth, Geschäftsführer von Forwind, dem gemeinsamen Zentrum für Windenergieforschung der Universitäten Oldenburg, Hannover und Bremen. Die Fälle bei Windrädern würden verglichenermaßen einen sehr niedrigen Anteil haben. Er weist auch daraufhin, dass es im Straßenverkehr, an Glashäusern oder anderen Ereignissen viel mehr tote Vögel geben würde.

Studie liefert Erkenntnisse für weitere Schritte im Windrad-Ausbau

Die Studie soll nun dazu beitragen, die Mortalität der Vögel durch Windräder zu verringern. Es wird bei der Bewertung der Todesfälle zwischen Vogelarten unterschieden: Greifvögel gibt es allgemein weniger, Zugvögel fallen jedoch den Rotoren öfters zum Opfer. Wichtig für die Tierschützer ist es, dass die Artenvielfalt erhalten bleibt. Heißt: Selbst wenn einzelne Vögel sterben, wird das in Kauf genommen, solange der Bestand der gefährdeten Vögel erhalten bleibt.

„Mit der GPS-Ortung können wir genau verstehen, wie sich die Vögel verhalten, wenn sie in die Nähe der Turbinen fliegen“, sagt Carlos Santos vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie.

Die Daten liefern den Standort und die Flughöhe, die durch direkte Beobachtung, vor allem durch die große Entfernungen nicht ermittelt werden können, sagt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und Mitautor der Studie. Darin wurden zum ersten Mal GPS-Daten von derart vielen Arten zusammengeführt, um ein umfassendes Bild davon zu erhalten, wo Vögel gefährdet sind.

Vorallem an Küsten und in der Nähe von Brutplätzen entlang wichtiger Zugrouten seien die Vögel gefährdet. Dazu gehören die westliche Mittelmeerküste Frankreichs, Südspanien und die marokkanische Küste sowie die Meerenge von Gibraltar, Ostrumänien, die Sinai-Halbinsel und die deutsche Ostseeküste. Die Autoren plädieren in ihrer Studie dafür, dass der Bau neuer Windkraftanlagen und Hochspannungsleitungen in diesen hochsensiblen Gebieten auf ein Minimum beschränkt werden. Sollte sich der Bau neuer Anlagen nicht verhindern lassen, müssten Maßnahmen geschaffen werden, die das Risiko der Vögel verringern.

Weitere Maßnahmen könnten laut Windkraft-Experten Stefan Barth sein, dass in bestimmten Gebieten, die Abstände der Windräder angepasst werden. Auch manuelle Abschaltregelungen, wenn Vögel in der Dämmerung oder zur Brutzeit unterwegs sind, seien möglich. Program mit Künstlicher Intelligenz könnten eingreifen, wenn sich Tiere nähern. „Es ist das Ziel, dass die Sterbefälle der Vögel durch die Windräder reduziert werden“, sagt Barth. Nur so kann Klimaschutz und Artenschutz nebeneinander möglich sein.